Halbleiterindustrie IG Metall fordert Mitbestimmung und gute Tarifverträge für Beschäftigte im Silicon Saxony

Am Vormittag war die IG Metall mit dem Zweiten Vorsitzenden Jürgen Kerner und Gästen aus Politik und Betrieben unterwegs im Silicon Saxony. Die klare Botschaft: Hochtechnologie und Mitbestimmung gehören zusammen.

Halbleitergruppe ESMC

13. August 2026 13. August 2026


Die IG Metall wird sich gemeinsam mit den Beschäftigten der Halbleiterindustrie für faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen und starke Arbeitnehmerrechte einsetzen.

In Dresden liegt Europas größtes Mikroelektronikcluster mit rund 80.000 Beschäftigten bei Halbleiterherstellern, Zulieferern, Forschungseinrichtungen und in Hochschulen. Es wird mit rund 100.000 Beschäftigten bis 2030 gerechnet. Damit ist die Halbleiterindustrie auch im internationalen Wettbewerb eine erfolgreiche Zukunftsbranche.

Die IG Metall setzt sich gemeinsam mit ihren Mitgliedern und Betriebsräten dafür ein, dass die Beschäftigten der Halbleiterindustrie von den gleichen guten Arbeitsbedingungen, den gleichen Mitbestimmungsrechten und der gleichen tariflichen Absicherung profitieren wie Beschäftigte in anderen großen Industriebranchen. Inzwischen gibt es auf Bundesebene – besonders im Westen – längst erfolgreich gelebte Tarifverträge, beispielsweise bei Infineon, Bosch, ZEISS SMT, ASML und Vishay.

Am Vormittag hatte die IG Metall zu einer zweistündigen Bustour unter dem Motto „Betriebliche Mitbestimmung im Silicon Saxony“ eingeladen. Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, und Stefan Ehly, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Dresden und Riesa, begrüßten Matthias Ecke, Mitglied des Europarlaments (SPD) und Laura Stellbrink, MdL Sachsen (SPD). Aus den Betrieben der Branche waren neun Betriebsrätinnen und Betriebsräte aus den Betrieben Rohde & Schwarz, Infineon, Bosch, Jenoptik, ZEISS SMT und ZEISS Digital Innovation dabei.

„Trotz großer Herausforderungen hat der Industriestandort Deutschland weiterhin riesiges Potenzial. Besonders deutlich wird das im Silicon Saxony, wo mit der Halbleiterindustrie eine der wichtigsten Zukunftsbranchen der Welt wächst und investiert. Schon heute arbeiten hier mehr als 80.000 Menschen in guten Jobs – Tendenz steigend. Mit ESMC in Dresden steht bereits das nächste Großprojekt in den Startlöchern. Diese Entwicklung ist auch ein Ergebnis kluger Industrie- und Ansiedlungspolitik. Allein ESMC erhält rund fünf Milliarden Euro staatliche Förderung. Die Politik darf jedoch nicht auf halbem Weg stehen bleiben, sondern muss Förderung an soziale Kriterien knüpfen: Wer öffentliche Gelder bekommt, muss sich auch zu Tarifbindung und Mitbestimmung bekennen“, so Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender IG Metall. „Hochtechnologie und Mitbestimmung gehören zusammen. Das haben wir im Silicon Saxony schon oft bewiesen. Die IG Metall wird sich deshalb von Beginn an dafür einsetzen, dass auch bei ESMC faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen und starke Arbeitnehmerrechte gelten – abgesichert durch Tarifverträge und Mitbestimmungsstrukturen.“

Stefan Ehly, Erster Bevollmächtigter IG Metall Dresden und Riesa, betonte: „Die Ansiedlung zahlreicher großer Halbleiterunternehmen im Silicon Saxony ist ein starkes Signal für den Industriestandort Dresden, „Die Region hat sich zu einem der wichtigsten europäischen Zentren der Mikroelektronik entwickelt und profitiert dabei von ihren hervorragend qualifizierten Beschäftigten. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen, die diesen Erfolg möglich machen, an guten Arbeitsbedingungen, fairen Löhnen und einer starken Mitbestimmung teilhaben. Wir freuen uns darüber, dass sich immer mehr Beschäftigte der Branche zusammenschließen und sich gewerkschaftlich für faire Arbeitsbedingungen, gute Bezahlung und echte Mitbestimmung starkmachen. Gerade eine Zukunfts- und Schlüsselindustrie wie die Halbleiterbranche braucht gute Arbeit auf höchstem Niveau. Als Gewerkschaft der Halbleiterbeschäftigten werden wir uns auch künftig dafür einsetzen, dass Tarifbindung und betriebliche Mitbestimmung in den Unternehmen der Branche in Dresden und der Region zur Selbstverständlichkeit werden.“

Matthias Ecke, Mitglied des Europäischen Parlaments (SPD), erklärte: „Die Überarbeitung des europäischen Chip-Gesetzes bietet eine entscheidende Chance, Sachsens Halbleiterindustrie noch weiter auszubauen: Mit besseren Rahmenbedingungen für Investitionen, gezielt eingesetzter öffentlicher Förderung und klaren Vorgaben für gute Arbeit und Nachhaltigkeit. Als Verhandler für die sozialdemokratische Fraktion im Europäischen Parlament setze ich mich dafür ein, dass das Gesetz den Aufschwung weiter ankurbelt und Europa zu einem unverzichtbaren Teil der globalen Wertschöpfungskette macht."

Jenoptik mit seinen 110 Beschäftigten in Dresden beweist, dass starke Flächentarifverträge auch in der Halbleiterindustrie funktionieren. „Durch eine aktive betriebliche und gewerkschaftliche Mitbestimmung gibt es hier bei Jenoptik attraktive Arbeitsbedingungen. Der Flächentarifvertrag macht das Unternehmen in der Region zu einem attraktiven Arbeitgeber“, sagte Christoph Simm, Betriebsratsvorsitzender Jenoptik.

Bei Rohde & Schwarz gibt es Tarifverträge an fast allen Standorten im Westen. Allerdings verweigert die Unternehmensleitung den 95 Kolleginnen und Kollegen in Dresden bisher weitere Verhandlungen über einen Tarifvertrag. Die IG Metall fordert daher die Arbeitgeberseite auf, unverzüglich Verhandlungen mit der gewählten Tarifkommission aufzunehmen. „Wir tragen als Belegschaft hier in Dresden maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens bei. Gleiche Arbeit verdient gleiche Anerkennung und faire Bedingungen. Die Kolleginnen und Kollegen in Dresden werden sonst entschlossen auf die Verweigerungshaltung des Arbeitgebers antworten“, so Lars Adam, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Rohde & Schwarz.

Die rund 875 Beschäftigten bei Robert Bosch Semiconductor Manufacturing Dresden haben immer noch schlechtere Arbeitsbedingungen als im Westen. „Und das obwohl hier die Zukunftsprodukte hergestellt werden und dieser Standort eins der wenigen Werke im Bosch-Konzern in Deutschland ist, das in der aktuellen wirtschaftlichen Lage Personal aufbaut“, berichtete Markus Gunia, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Robert Bosch Semiconductor Manufacturing Dresden. „Wir fordern die Ost-West-Angleichung.“

Rund 4.000 Beschäftigte arbeiten derzeit bei Infineon in Dresden, Tendenz steigend. Seit 36 Jahren gibt es im Werk erfolgreiche betriebliche Mitbestimmung durch einen Betriebsrat. Aber während im Westen gute Tarifverträge gelten, sieht es im Osten anders aus. „Auf Grund der hohen Förderung erwarten wir und arbeiten auch daran, dass sich tarifpolitisch etwas tut“, sagte Stefan Eisold, Betriebsratsvorsitzender bei Infineon. „Ein Tarifvertrag kann auch ein Wettbewerbsvorteil für Infineon sein und bei der Suche nach Fachkräften unterstützen.“

Aktuell wird für die rund 60 Kolleginnen und Kollegen der ZEISS SMT am Standort Coswig erstmalig über die Einführung des Flächentarifvertrages Metall- und Elektroindustrie verhandelt. Damit zeigt das Unternehmen, dass es, wie an seinen anderen deutschen Standorten, an der Sozialpartnerschaft auch in der Halbleiterindustrie festhält. „Allerdings stocken die Tarifverhandlungen aktuell. Die Arbeitgeberseite sollte sich mehr bewegen und die ostdeutschen Standorte gleichbehandeln“, so Babette Laudely, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende ZEISS SMT. Außerdem läuft bei ZEISS derzeit ein Betriebsübergang von ZEISS Digital Innovation (rund 60 Kolleginnen und Kollegen) zu ZEISS SMT in Coswig. „Das derzeitige Vorgehen der Arbeitgeberseite birgt die Gefahr, dass nicht alle Kolleginnen und Kollegen den Schritt mitgehen. Wer hochqualifizierte Fachkräfte halten will, muss ihre berechtigten Interessen ernst nehmen. Deshalb fordern wir die Arbeitgeberseite auf, die Bedingungen für den Übergang deutlich zu verbessern“, erklärte Peter Aderhold, Gesamtbetriebsratsvorsitzender ZEISS Digital Innovation.

 

Berichterstattung

Oiger, 13. August 2026