Betriebsratswahlen Zeiss SMT in Coswig: Auf dem Weg zur Tarifbindung

Seit Dezember 2024 gehört der Standort Coswig mit 67 Beschäftigten zu Zeiss SMT. In Coswig werden Hochpräzisionskomponenten für Lithographiesysteme in der Halbleiterfertigung entwickelt und gefertigt. Im April 2025 hat die Belegschaft erstmals einen Betriebsrat gewählt.

Zeiss SMT in Coswig: Auf dem Weg zur Tarifbindung

20. April 2026 20. April 2026


Wie die Belegschaft die Mitbestimmung erlebt und welche Themen den neuen Betriebsrat beschäftigen: Davon berichtet Torsten Endler, Betriebsratsvorsitzender bei Zeiss SMT.

Kurzer Bericht zum Unternehmen: Was macht Zeiss SMT am Standort?

Wir sind im Dezember 2024 von Zeiss aufgekauft worden und gehören zur ZEISS Sparte SMT – Semiconductor Manufactoring Technology . Derzeit sind wir 67 Beschäftigte und arbeiten hier in Coswig bei Dresden im Halbleiterbereich. Unter anderem beschäftigen wir uns mit der Produktion von Aktuatoren für die Spiegelverstellung von Lithografie Maschinen, die mit EUV-Technologie arbeiten. Außerdem entwickeln rund die Hälfte der Belegschaft Fertigungsmittel für Maschinen und Maschinenteile für diesen Bereich. Der größte Standort ist in Oberkochen – insgesamt gehören sechs Standorte in Deutschland zur Sparte SMT.

Seit wann gibt es einen Betriebsrat?

Im April 2025 haben wir unseren ersten Betriebsrat gewählt. Es gab während des Betriebsüberganges zu ZEISS einige Unstimmigkeiten. Die SMT hat einen Gesamtbetriebsrat, der uns im Februar 2025 die Betriebsratsarbeit vorgestellt hat. Ende April 2025 haben wir uns als 5-er-Gremium konstituiert. Die Wahlbeteiligung war sehr hoch und lag bei 96 Prozent. Die Beschäftigten hatten im Vorfeld bei einer Befragung einen Betriebsrat begrüßt und gefordert.

In diesem Jahr wählen wir nicht, denn wir haben eine verlängerte Amtszeit bis 2030.

30 Jahre ohne Mitbestimmung. Jetzt mit Betriebsrat. Wie wird das gesehen?

Vorher hatten wir ein inhabergeführtes Unternehmen, in dem Vieles gut und sozial geregelt war. In dieser Zeit gab es wenig Unzufriedenheiten in der Belegschaft und jeder wurde von der damaligen Geschäftsführung gut wahrgenommen. Durch die Unstimmigkeiten nach dem Verkauf an ZEISS hat sich schnell herausgestellt, dass wir die Mitbestimmung brauchen und einfordern müssen. Wir erfahren eine gute Rückendeckung und Feedback von den Kolleginnen und Kollegen am Standort. Alle Themen, die die Belegschaft an uns heranträgt, versuchen wir auch zu regeln. Zeiss ist die Mitbestimmung schlechthin, daher setzen wir diesen Standard auch bei uns um. Das kostet schon sehr viel Kraft, macht aber Spaß und Freude, wenn man etwas mit seinem Einsatz für die Belegschaft bewirken kann.

Wie lässt sich die Betriebsratsarbeit mit dem normalen Arbeitspensum vereinbaren? Du bist ja nicht freigestellt?

Im Moment merke ich schon, dass die Arbeitslast sehr hoch ist. Ich bespreche das natürlich mit meiner Führungskraft, die mir für die Betriebsratsarbeit den Rücken freihält. Beispielsweise die Mitarbeit im Gesamtbetriebsrat bindet immer mehr Zeit, aber auch die notwendigen BR-Schulungen, die begonnenen Tarifverhandlungen und eine erste Eskalation sind zeitintensiv. Wir standen schon vor dem Gang zum Arbeitsgericht, konnten aber durch Einlenken des Arbeitgebers diese Auseinandersetzung noch ohne diese Eskalation regeln. Das ist ebenso Betriebsratsarbeit: Wir müssen auch mal zeigen, dass wir kein zahnloser Tiger sind und wir es ernst meinen mit unseren berechtigten Forderungen. Denn wir fordern ja nur, was durch das Betriebsverfassungsgesetz gedeckt wird. Da müssen wir uns am Standort manchmal mehr „zusammenruckeln“, da es für beide Seiten – Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmervertretung - neu ist.

Gerade laufen Tarifverhandlungen. Was fordert ihr?

An unserem Standort gibt es noch keine Tarifbindung, obwohl unser Hauptstandort in Baden-Württemberg einen Haustarifvertrag hat. Daher fordern wir jetzt die Tarifbindung und für uns die Fläche von Sachsen mit dem Zusatz der 35-Stundenwoche. Da die meisten Standorte bei ZEISS SMT eine Tarifbindung haben, fordern wir nur die Gleichbehandlung. Die Tarifverhandlungen gestalten sich allerdings derzeit sehr schwierig und werden von der Arbeitgeberseite verzögert.

Ich bin in die Verhandlungsgruppe und in die Tarifkommission gewählt worden. Hier müssen wir zwischen Betriebsratsarbeit und Tarifverhandlung sehr sauber trennen. Bei den Tarifthemen brauchen wir unbedingt unsere Gewerkschaft, denn sie verhandeln die Forderung für alle Mitglieder im Betrieb. Vorher war kaum jemand bei uns organisiert. Jetzt haben wir eine sehr gut organisierte Belegschaft und wurden für die erfolgreichste Mitgliederentwicklung 2025 auch gewürdigt.

Im April bist du ein Jahr Betriebsratsvorsitzender. Wie sieht gute Betriebsratsarbeit aus?

Wir sind eine Arbeitnehmervertretung und als Betriebsratsteam haben wir die Belange der Beschäftigten im Blick. Aber wir müssen auch die Interessen des Unternehmens berücksichtigen, denn ohne Betrieb gibt es keine Belegschaft. Wenn es dem Betrieb gut geht, sollte es auch der Belegschaft gut gehen. Wenn es der Belegschaft nicht gut geht, dann muss der Betriebsrat im Rahmen seiner gesetzlichen Möglichkeiten eingreifen. Da ziehen wir bei uns im Gremium alle an einem Strang und auch in eine Richtung.

Welche Erfolge gibt es bei euch in der Betriebsratsarbeit nach einem Jahr?

Wir haben uns als Betriebsratsteam sehr viel vorgenommen. Die Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit beschäftigt uns immer noch, da es bei uns am Standort verschiedene Bereiche gibt, die einer unterschiedlichen Regelung bedürfen. Es wird leider noch etwas dauern, bis wir diese Vereinbarungen finalisieren können. Eine Betriebsvereinbarung zu den Brückentagen und zur Betriebsruhe haben wir bereits abgeschlossen. Außerdem sind wir mehreren Gesamtbetriebsvereinbarungen beigetreten, um klare Regeln für unseren Standort zu bekommen. Wir haben zusätzlich den Gesamtbetriebsrat mandatiert, damit er für uns mit der Arbeitgeberseite verhandelt, dass wir als Standort weiteren Konzern- und Gesamtbetriebsvereinbarungen beitreten können. Es gibt aber auch persönliche Belange der Kolleginnen und Kollegen, für die wir als Betriebsrat stets ein offenes Ohr haben. Wir versuchen bei Problemen zu unterstützen und diese zu klären. Das sind nur einige von vielen Punkten.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der IG Metall? Was hilft?

Wir können an den guten Seminaren der IG Metall teilnehmen. Inzwischen haben wir alle drei Grundlagenseminare zur Betriebsratsarbeit besucht. Durch Eric Heide, unseren zuständigen Gewerkschaftssekretär, werden wir hervorragend unterstützt, wenn es Fragen gibt oder Themen unklar sind. Obwohl er auch stets von anderen Betrieben gefragt ist, nimmt er an Betriebsratssitzungen teil, hilft bei kritischen Auseinandersetzungen und unterstützt uns bei den jährlichen Klausur-Tagen.

Beispielsweise möchte der Arbeitgeber an unserem Standort REFA – ein Zeitaufnahmesystem für Arbeitsabläufe – einführen. Hier sind wir im intensiven Austausch mit Kollegen aus der IG Metall und auch in der Konzernstruktur, um unsere Mitbestimmungsrechte bei dieser Thematik zu klären und durchzusetzen.

Wie erlebt ihr die Betriebsratswahlen im Konzern?

Wir sind hier am Standort ein sehr gut eingespieltes 5-er Team. Die Betriebsratswahlen an anderen Standorten wirken sich zum Teil auf uns aus, da durch die Umbrüche teilweise unsere Ansprechpartner wechseln. Es ändert sich dadurch auch die Zusammensetzung im Gesamtbetriebsrat. Da wir gerade anstrengende und mehrere Verhandlungen im Gesamtbetriebsrat mit der Arbeitgeberseite haben, sind diese Umbrüche herausfordernd. Aber mal abwarten, wie sich bis Ende Mai die Gremien neu zusammengewürfelt haben, wenn wir die Zusammenarbeit im Gesamtbetriebsrat wieder intensivieren.

Würdest du dich nochmal für die Betriebsratswahl aufstellen lassen?

Trotz aller Anstrengung: Es macht gerade im Gremium sehr viel Spaß. Wir sind ein großartiges Team, welches super sowie vertrauensvoll zusammenarbeitet. Dafür danke ich jedem, der sich für die Kolleginnen und Kollegen einsetzt.

Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich nochmals für den Betriebsrat kandidieren möchte, würde ich klar JA! sagen.

Hintergrund:

Bei Zeiss SMT in Coswig bei Dresden arbeiten derzeit 67 Beschäftigte. Im Unternehmen werden Hochpräzisionskomponenten für Lithographiesysteme in der Halbleiterfertigung entwickelt und gefertigt. Der Standort, der aus der Übernahme der Lithografie-Sparte von Beyond Gravity (ehemals RUAG) hervorgegangen ist, fokussiert sich auf komplexe Aktuatoren, Sondermaschinenbau und Reinraumtechnik.

Das Interview führte Andrea Weingart.


Zeiss SMT in Coswig: Auf dem Weg zur Tarifbindung

Von: aw